Rückblick
Ein Besessener auf der Suche nach der Leistungsgrenze

Von der TO Karlsruhe (Abschluss 1992) zum Hochleistungssport
 
Ein Besessener auf der Suche nach der Leistungsgrenze
Erneuter Hawaii-Triumph in Streckenrekordzeit angepeilt / Mit Lavalandschaft und Steilklippen vertraut

Foto: artis
FLEISSARBEITER AUF DER FERIENINSEL:
Thomas Hellriegel bereitet sich auf Lanzarote für den Ironman - Wettbewerb auf Hawaii vor.
Von Ursula Kaiser

Arrecife. Der graubraun gefleckte kleine • Esel schaut verdutzt in die Landschaft. Vorsichtig dreht er den Kopf und versucht, aus großen braunen Augen einen Blick auf die drei Radfahrer zu erhaschen, die dem mageren Tier in rasend schnellem Tempo mitten auf der Straße von La Santa nach Tinajo auf Lanzarote entgegenkommen. Bei dem Tempo kann er nun wirklich nicht mithalten. Zumal er auch noch einen alten morschen Karren hinter sich herziehen muß. Er verliert schnell das Interesse.

Die Dreiergruppe, die sich zwischen den kurvenreichen Wegen und den zahlreichen Vulkanen der Insel durchschlängelt, wird angeführt von Thomas Hellriegel, Sieger des Ironman auf Hawaii 1997, dem schwersten Triathlon der Welt. Der 27jährige aus Bruchsal bereitet sich auf die neue Saison vor. Und flüchtet vor der Kälte. Nach Lanzarote - der Sonne entgegen. 35 bis 40 Stunden pro Woche wird trainiert. 120 Kilometer Laufen, 700 bis 800 Kilometer Radfahren und 15 bis 20 Kilometer Schwimmen sind die Regel.

Im Augenblick ist Radfahren angesagt, Hellriegels Lieblingssportart. „Der Schwerpunkt liegt im Ausdauerbereich", erzählt der erste deutsche Hawaii-Sieger. Steigungen hoch, Abhänge hinunter. Stundenlang klebt er auf seinem Mountainbike. Fährt vorbei an der wüstenhaft verwitterten Lavalandschaft, gewaltigen Basaltbrocken, an den leuchtend braunroten Feuerbergen im Nationalpark Timanfaya, an Steilklippen, Weinanbaugebieten, hohen Palmen, winzigen Fischerdörfern und  malerischen  Schluchten.  Lanzarote kennt er mittlerweile wie seine Westentasche. „Ich könnte mit verbundenen Augen in einem Dorf stehen und wüßte sofort, wo ich bin14, sagt der 27jährige.

Fast in jedem Winter ist er auf Lanzarote, im Sportclub La Santa. Sein bester Freund, Holger Lorenz aus Bruchsal, Achter auf Hawaii, leistet ihm oft Gesellschaft. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Doch Hellriegel weiß, wofür er sich quält. Am 3. Oktober will er den Titel auf Hawaii verteidigen. Mit Strek-kenrekord. Selbst durch den Schirokko, dem Wirbelsturm, der den Sand von der Sahara nach Lanzarote weht und den Sportlern Radverbot verordnet, läßt sich der Profi nicht abhalten. Bis zur Entwarnung geht's in den Kraftraum.

Thomas Hellriegel ist ein Besessener. Und ein sehr introvertierter Mensch, fast ein Einzelgänger. Seit eineinhalb Jahren ist der gelernte Physiklaborant Profi. Dafür macht der 1,78 Meter große und 70 Kilo leichte Athlet viele Abstriche. Spätestens um 10 Uhr abends ist Zapfenstreich. „Da falle ich wie tot ins Bett. Meine zehn Stunden Schlaf brauch' ich." Der frühere Vizeeuropameister scheint glücklich zu sein. „Sport formt den Charakter. Man lernt zu verlieren und gewinnen und sich selbst besser kennen."

Daß der Ironman nicht olympisch wird, sondern die Kurzdistanz den Vorzug erhält, läßt ihn kalt. „Olympische Spiele wären super, aber mir ist Hawaii wichtiger. Bei den Kurzstrecken ist zuviel Taktik im Spiel." Thomas Hellriegel träumte schon immer vom Ironman. „Deshalb habe ich mit dem Triathlon begonnen." Zuvor hatte er Handball gespielt. Doch seine Teamgefährten liebten es gemütlich. „Das war mir zu wenig." Mit 16 Jahren begann er mit dem Schwimmen. 1989 folgte der erste Triathlon. „Damals habe ich im Jahr soviel trainiert wie heute im Monat." Er kommt nicht mehr los davon. Es ist wie eine Sucht. Ein Dasein zwischen Lust und Qual. Dreimal war der junge Mann bisher auf Hawaii. Zweimal kam er als Zweiter nach Hause, 1997 erklomm er die Spitze. „Triathlon ist gut, um seine Grenzen herauszufinden", sagt er.

Quelle : BNN vom 30.1.1998
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